Weniger arbeiten, weniger Arbeitslose

Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, um Arbeit gerechter zu verteilen.

Österreich leidet unter der Rekordarbeitslosigkeit. Anfang Juni waren 395.518 Menschen arbeitslos gemeldet oder in Schulungen untergebracht. Vor allem ältere Menschen, junge Erwachsene und Menschen mit Pflichtschulabschluss haben auf dem Arbeitsmarkt die schlechtesten Karten. „Die Politik ist gefordert", sagt Bernhard Achitz, Leitender Sekretär des ÖGB. „Kurzfristig ist mehr Geld für aktive Arbeitsmarktpolitik notwendig, und längst im Regierungsprogramm angekündigte Schritte wie das Bonus-Malus-System müssen endlich umgesetzt werden – auch wenn sich die Unternehmer mit Händen und Füßen dagegen wehren." Das allein wird aber nicht reichen: „Langfristig müssen wir die Konjunktur ankurbeln und die vorhandene Arbeit gerechter aufteilen – also die Arbeitszeit verkürzen."

„Angesichts schwachen Wirtschafts- und Beschäftigungswachstums bei gleichzeitig merklicher Zunahme des Angebots an Arbeitskräften kann ohne eine Verkürzung der Arbeitszeit in Österreich kein Rückgang der Arbeitslosigkeit gelingen", sagt AK-Wirtschaftswissenschafter Markus Marterbauer. Das haben auch die Delegierten zum ÖGB-Bundeskongress beschlossen: „Der ÖGB fordert Arbeitszeitverkürzung: Verkürzung der Normalarbeitszeit im Arbeitszeitrecht und damit korrespondierend eine Absenkung der höchstzulässigen Tages- und Wochenarbeitszeit. Dabei müssen die Kaufkraft und damit der Lebensstandard der ArbeitnehmerInnen gesichert bleiben. Ziel ist es, die tatsächlich geleistete Arbeitszeit zu reduzieren." Der ÖGB gibt einen Überblick, wie wir zu kürzerem Arbeiten kommen können:

Normalarbeitszeit
Die Normalarbeitszeit beträgt derzeit 40 Stunden pro Woche, in den meisten Kollektivverträgen weniger. Die 40-Stunden-Woche gilt noch für rund 500.000 ArbeitnehmerInnen, vor allem in der Dienstleistung und im Gewerbe. Das letzte Mal wurde die Arbeitszeit vor 40 Jahren, 1975, gesetzlich gekürzt. Der nächste Schritt ist daher überfällig. Arbeitszeitverkürzung vernichtet keine Arbeitsplätze, wie Wirtschaft und Industrie glauben machen wollen, im Gegenteil: Zehn Prozent weniger arbeiten bringt 90.000 zusätzliche Arbeitsplätze, die Arbeitslosigkeit würde sinken. Für die einzelnen ArbeitnehmerInnen muss auch bei kürzerer Arbeitszeit die Kaufkraft erhalten bleiben.

6. Urlaubswoche
Ein weiterer Schritt zur effektiven Arbeitszeitverkürzung ist die Erhöhung des Urlaubsanspruchs. Achitz: „Alle ArbeitnehmerInnen sollen die Chance auf die sechste Urlaubswoche bekommen – und nicht nur diejenigen, die 25 Jahre in ein und demselben Betrieb beschäftigt sind." Das war ursprünglich auch so geplant, allerdings haben sich Arbeitsmarkt und Gesellschaft verändert, die Menschen wechseln häufiger den Arbeitsplatz, ob freiwillig oder unfreiwillig. „Eigentlich müssten die Unternehmervertreter diese Forderung voll unterstützen, denn sie fordern ja immer mehr Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt. Die derzeitige Urlaubsregelung bestraft aber flexible Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer."

Überstunden
Die österreichischen ArbeitnehmerInnen haben mit 41,8 Wochenstunden die zweitlängste Wochenarbeitszeit in der EU. Allein im Vorjahr wurden außerdem 270 Millionen Überstunden geleistet, jede fünfte davon sogar ohne Bezahlung. „Während die einen mit unterbezahlten Teilzeitjobs abgespeist werden, müssen andere haufenweise Überstunden machen", kritisiert Achitz. Deshalb sollten Arbeitgeber, die Überstunden anordnen, auch einen Beitrag von einem Euro pro Stunde zusätzlich ins Gesundheits- und Arbeitsmarktbudget einzahlen. Das wäre nur gerecht, denn Überstunden machen die einen krank – und die anderen arbeitslos.

Freizeitoption
Seit drei Jahren gibt es in der Elektroindustrie die „Freizeitoption" – sprich einen Verzicht auf die Kollektivvertrags-Lohn-/Gehaltserhöhung bei gleichzeitig mehr Freizeit. Mittlerweile gibt es das Modell in mehreren Branchen, von den 100.000 Beschäftigten haben rund vier Prozent diese Option genutzt. Für die Umsetzung ist eine Betriebsvereinbarung notwendig. Ob sich die ArbeitnehmerInnen die Freizeit am Stück tage- bzw. stundenweise nehmen, ist Verhandlungssache. Der Nachteil der Freizeitoption: Diese Variante der Arbeitszeitverkürzung ist für Menschen mit niedrigen Einkommen nicht möglich.

Arbeitszeitverkürzung führt nicht zum Untergang. Die Geschichte beweist es:
• 1918 In extrem schlechter wirtschaftlicher Situation wird das Gesetz über Einführung des 8-Stunden-Tags in den fabrikmäßig betriebenen Gewerbeunternehmungen beschlossen.
• 1945 48-Stunden-Woche. Zuvor galt seit 1939 faktisch der 10-Stunden-Tag und die 60-Stunden-Woche.
• 1959 Arbeitszeit wird von 48 auf 45 Stunden gekürzt.
• 1969 Schrittweise Einführung der 40-Stunden-Woche wird festgelegt (Generalkollektivvertrag) und Beschluss eines Arbeitszeitgesetzes. Dadurch verringert sich die Arbeitszeit:
• 1970 auf 43 Stunden,
• 1972 auf 42 Stunden,
• 1975 auf 40 Stunden.
• 1985 Der erste Kollektivvertrag zur 38-Stunden-Woche wird abgeschlossen.

Ihr Betriebsrat

pinguine_betriebsrat
zentralbetriebsrat
sport
gesundheit

Andere Sprachen